Von der Hobbyfahrerin zur Vize-Weltmeisterin: Anna Weinbeers Aufstieg ist schlichtweg bemerkenswert. Als der Raid Evolénard 2021 die Europameisterschaften ausrichtete, erzielten die Schweizerinnen ein außergewöhnliches Mannschaftsergebnis mit den Plätzen 2, 3 und 4 für Häberlin, Forchini und Lüthi. Im Schatten dieses Erfolgs hatte Anna Weinbeer am Vortag am Volkslauf über 35 km teilgenommen. Fünf Jahre später steht sie erneut am Start, diesmal nicht einfach zum Mitmachen, sondern um ihren ersten Schweizer Meistertitel auf einer Strecke zu holen, die wie für sie gemacht scheint. Und um zu bestätigen, dass ihr Aufstieg keine Pause kennt, hat sie die Saison 2026 bereits mit einem Knall eröffnet und den ersten Weltcup gewonnen!
In 2021, als der Raid Evolénard die Europameisterschaften ausrichtete, hast du am Volkslauf über 35 km teilgenommen. Welche Erinnerungen hast du an diesen Tag?
Der Tag ist mir bis heute sehr präsent. Es war mein erster Kontakt mit dem Raid Evolénard und mit dieser ganz besonderen Atmosphäre: viele Zuschauer, internationale Fahrerinnen und Fahrer und diese beeindruckende Kulisse in Evolène. Für mich war es damals einfach ein Rennen zum Spass, vor welchem ich aber grossen Respekt hatte.

Wie war damals dein Verhältnis zum Mountainbiken? Was hat dich motiviert, an diesem Rennen als Hobbyfahrerin teilzunehmen?
Mountainbiken war für mich damals vor allem der Ausgleich zur Arbeit, ohne Fokus auf Leistung oder Werte. Die Motivation, am Volkslauf teilzunehmen, kam aus purer Neugier: Es ging mir weniger um das Resultat, sondern um die Erfahrung und darum, meine eigenen Grenzen auszuloten.
Man wird nicht ganz zufällig Vize-Weltmeisterin. Wie hat sich dieser Übergang zum Spitzensport in den letzten Jahren vollzogen?
Der Übergang war sehr rasant und dennoch ein schleichender Prozess. Zuerst kamen einzelne gute Resultate, dann das Bewusstsein, dass ich mit gezieltem Training und Struktur mehr erreichen könnte. So habe ich einzelne Punkte professionalisiert. Der Weg ist das Ziel.

Die Saison 2025 war eine wahre Offenbarung, mit einer Serie von Siegen gegen Elite-Fahrerinnen. Wie hast du diese Zeit erlebt, in der du einen Erfolg nach dem anderen eingefahren hast? Hast du realisiert, was da gerade passierte?
Es war eine unglaublich intensive Saison. Einerseits war da diese Euphorie, andererseits musste ich in kurzer Zeit sehr viel Neues lernen. Ganz ehrlich: Ich habe oft erst im Nachhinein realisiert, wie außergewöhnlich diese Phase war. Während der Rennen war ich sehr fokussiert, fast im Tunnel.
Und dann im September, bei der Weltmeisterschaft im Wallis, nach mehr als sieben Stunden Rennen und 5000 Höhenmetern, konnte dich nur Kate Courtney überflügeln. Erzähl uns von diesem außergewöhnlichen Tag: Wann hast du verstanden, dass eine Medaille möglich war?
Relativ spät. Die Strecke und die Renndauer lassen wenig Raum für große Rechnereien. Irgendwann in der zweiten Rennhälfte habe ich gemerkt, dass ich mich konstant stark fühle und Position um Position halte. Als ich realisiert habe, dass der Abstand nach hinten größer wurde, kam zum ersten Mal der Gedanke: Da geht etwas. Die letzten Kilometer waren dann ein Wechsel aus Leiden, Konzentration und purer Emotion.

Diese Weltmeisterschafts-Medaille hat alles verändert. 2026 wechselst du zum Team KTM Spadabike powered by Brenta Brakes. Was hat dich überzeugt, dich diesem Team anzuschließen?
Es war vor allem das Gesamtpaket. Sie haben mich sehr früh kontaktiert und Interesse gezeigt, noch vor meinem WM-Resultat. Das Team teilt meine sportlichen Werte, arbeitet sehr professionell und gleichzeitig menschlich. Zudem passt die sportliche Ausrichtung perfekt zu meinen Stärken im Marathon- und Etappenbereich.
Was sind deine großen Ziele für die Saison 2026? Und in welchem Maße musstest du die Balance zwischen Berufsleben und sportlicher Karriere neu überdenken?
Die Balance zwischen Beruf und Sport musste ich definitiv nochmals schärfen: Strukturiertes Zeitmanagement, klare Prioritäten und ein unterstützendes Umfeld sind heute entscheidend. Nach wie vor bin ich hochprozentig berufstätig und möchte dies auch nicht missen. Sportlich ist mein Hauptziel, immer mein Bestes zu geben, und dann sehen wir, wohin dies führt.

Am 21. Juni wirst du wieder am Start des Raid Evolénard stehen, diesmal aber mit dem Ziel, deinen ersten Schweizer Meistertitel zu holen. Die Strecke mit ihren langen Anstiegen und den technischen Abfahrten im zweiten Teil scheint gut zu deinen Stärken zu passen. Teilst du diese Einschätzung?
Definitiv. Ich denke auch, die Strecke kommt mir entgegen, vor allem die langen Anstiege, bei denen ich meinen Rhythmus fahren kann, und die technischen Abfahrten, die im zweiten Teil Konzentration und Fahrtechnik verlangen. Evolène ist für mich inzwischen ein besonderer Ort, und hier um den Schweizer Meistertitel zu fahren, gibt dem Rennen eine ganz spezielle Bedeutung.
Danke und viel Erfolg für deine Saison 2026!
